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ROMANTRILOGIE / NOVEL TRILOGY »LIDIJAS NACHT« __back






FERTIGGESTELLT 2024





FINISHED IN 2024

 




Roland Stelter

LIDIJAS NACHT
Roman in drei Büchern

BUCH I – ABSCHIED

Erster Teil

KAPITEL 1

Zwanzig Kopeken mit Schokolade, zehn Kopeken ohne. In der Hosentasche sechs, im Loch hinter Pawluschas Ohr – meinem süßen kleinen Teddybärchen – zweimal fünf... ergibt fünf und noch einmal fünf Finger, sind zehn Finger und noch einmal sechs, sind... elf, zwölf, dreizehn, vierzehn, fünfzehn... sechzehn Kopeken! Fehlen also eins, zwei, drei... vier für Sahneeis mit Schokolade. Könnte mir aber ein Sahneeis ohne Schokolade. Hätte dann noch sechs Kopeken. Hinter Pawels Ohr müssen immer mindestens zehn sein. Mamutschka hat gesagt, man muss für schlechte Zeiten immer etwas zurückgelegt haben!

Lidija schaute in den Himmel und rechnete. Ihre blauen Augen strahlten.

Damals, als kleines Mädchen, hatte sie oft stundenlang im Gras auf dem Hügel neben dem Schulgebäude gehockt und auf die strahlend weißen Wolken geschaut, auf all diese Bilder von Feen und Ungeheuern, Meeren und Tälern, auf diesen weiten, weiß-blau schimmernden Himmel, diesen unbezwingbaren Reichtum ihrer Heimat, den sie später so bitterlich vermissen sollte. An diesem Sommertag des Jahres 1982 jedoch erlaubte sie es sich nicht, ihre Gedanken mit den Wolken dahinschweben zu lassen. An diesem Sommertag, als hätte sie die Zukunft auf ihre kindliche Weise vorausahnen können, kalkulierte sie hart. Sie verfolgte ihre Gedanken so streng, dass sie nach einer Weile sogar von den Wolken abgelassen und auf einen im Sonnenlicht glitzernden Grashalm gestarrt hatte. Mit all der ihr zur Verfügung stehenden Bestimmtheit ihrer hellen Kinderstimme sprach sie zu dem Grashalm: „Wenn ich heute das Unkraut um die Tomaten auch hinter dem Haus jäte, obwohl das ja erst morgen dran ist, und wenn ich Mamutschka noch ein kleines Sträußchen Flieder mitbringe und dazu noch mein schönstes Lächeln aufsetze, dann könnte ich versuchen, zehn Kopeken von Mama zu kriegen, wenn ich sage, dass ich zehn habe und noch zehn brauche, um ein Sahneeis mit Schokolade zu kaufen – schließlich kommt das Eis ja immer nur einmal in der Woche – wenn man Glück hat! Und dann könnte ich zum Konsum gehen, könnte mir ein Sahneeis ohne Schokolade kaufen, könnte mich hier mit meiner Maschinka treffen, könnte sie ’mal lecken lassen, könnte ganz in Ruhe mein Eis aufschlecken, hätte dann scheinbar zwanzig, in Wahrheit aber zehn Kopeken ausgegeben. Ich könnte zehn Kopeken hinter Pawels Ohr stecken und hätte – oh, schwierige, schwierige Rechnung! – vorher sechsundzwanzig, dann sechzehn und die zehn von Mama gleich eins, zwei, drei, vier, fünf Hände und ein Finger, also sechsundzwanzig, und dann wieder zwei Hände weg, sind drei Hände und ein Finger gleich sechzehn Kopeken, könnte also fünf Finger und ein Finger gleich sechs Kopeken wieder in meine Tasche stecken und zwei ’mal fünf Finger gleich zehn Kopeken hinter Pawels Ohr. Also: Mamutschka würde sagen, ich hätte gut gerechnet. Denn am Ende hätte ich alle Kopeken wieder zurück und ein Eis, wenn auch eins ohne Schokolade. Mamutschka würde denken: Eines Tages wird auch ihre Liduschka so wie Mama eine strenge Buchhalterin von einer großen Kolchose sein!“

Stolz schaute sie in die Wolken. Schon aber zogen sich die launigen Watteflocken zu einem scharfzackigen, schwarzgrauen Tal zusammen. Ihre Gedanken verdunkelten sich und ihre Augenbrauen zogen sich in einer scharfen Falte zusammen.

Wenn meine Schwester Nadja mitkriegt, dass ich zehn Kopeken für ein Eis mit Schokolade will, dann wird sie bestimmt wieder sagen, dass das Eis früher höchstens einmal im Monat kam. Und dann wird Mama bestimmt sagen, dass ein Eis ohne Schokolade auch reicht, und dass man sich überhaupt bescheiden soll.

Ein Wind blies die düsteren Täler wieder auseinander, und die Wolken türmten sich wie zu kleinen Sahnehäubchen im leuchtend blauen Himmel auf. Lidija strahlte. Ihr rundes Gesichtchen erschien jetzt wieder so zart wie das eines Porzellanpüppchens und ihr fiel ein, dass Nadja heute ja schon ganz früh wieder mit dem Autobus nach Minsk gefahren ist. Da ist sie ja noch lange nicht zurück!

Schon aber zogen sich ihre Brauen wieder zusammen. Sie hatte sich an den düsteren Blick ihrer Mutter erinnert, als ihre Schwester mit der Minsker Tante und deren Tochter das Haus verließ. In Lidijas Ohr dröhnte noch immer das gepresste »P« von Pawel, dass die Mutter wie ausgespien hatte. Sie erinnerte sich so genau, weil »Pawel« ja auch der Name ihres Teddybären war. Ihr war klar: Mama mochte Pawel nicht. Sie selbst fand den neuen Freund ihrer Schwester aus Minsk eigentlich ganz lustig. Wenige Jahre später aber hatte sie den düsteren Blick ihrer Mutter gut verstehen können. Da allerdings ging es schon lang nicht mehr um Kopeken.

Bald schon nach diesem Sommertag war der schon länger senile Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Leonid Breschnew, gestorben. Auf ihn waren die Greise Andropow und Tschernenko gefolgt. Beide waren sie bald ebenso dahingegangen. 1985 wurde der sehr viel jüngere Michael Gorbatschow zum Führer der KPDSU gewählt. Sechs Jahre später versuchten seine Genossen ihn in einem Coup d’Etat wieder loszuwerden. Anstatt sich selbst an die Macht zu bringen aber verhalfen sie ungewollt ihrem größten Widersacher zur Macht – dem Abrtünnigen Boris Jelzin. Jelzin besiegelte das Ende der »Sowjetunion« dann in aller Stille – am 8. Dezember 1991 in der Staatsdatscha von Wiskuli in der »Bialowiezer Heide«, einem Urwald viele Kilometer westlich von Lidijas kleinem Dorf an der polnisch-belarussischen Grenze. Die mächtigsten Völker des alten Verbunds hatten ihre nationale Unabhängigkeit erlangt. Das alte zaristisch-sowjetische Kolonialreich war um ein Stück geschrumpft. Russland aber blieb die bestimmende Größe in der neuen »Russischen Föderation«, und die Föderation blieb trotz aller Schrumpfung das größte Flächenland der Erde mit noch immer vielen, potentiell eine explosive Mischung bildenden Ethnien.

Unter Jelzin wurde das Land dann einer wirtschaftsliberalen Revolution ausgesetzt wie selten ein Land. Eine in ihrem Land nie gekannte Freiheit eröffnete sich den an Freiheit kaum gewöhnten Menschen. Ihr Staat aber schwächte sich. Mafiaartige Cliquen breiteten sich aus. Ein Verfall der Sitten griff um sich. Die effizientesten der neuen, den Staat und die Gesellschaft ausraubenden mafiaartigen Cliquen agierten so radikal neu wie sie sich mit den aus der Sowjetunion stammenden Strukturen arrangierten. Um in den raubtierartigen Verhältnissen bestehen zu können, leierten die Klügsten sich mit dem FSB, dem ehemaligen KGB, NKWD und wie immer sich die 1917 mit der Revolution von Lenin gegründete Tscheka mit ihren vielen Untergliederungen noch nannte...

(Vorabauszug)